Exhibition:
Sunah Choi
Karo
Edition Block, Berlin, 2020

English

For the Edition Block Sunah Choi has designed two new editions - Karo and Camou.

The three variations of the edition Karo are presented in the exhibition for the first time in an expansive installation. The point of departure for the work is Sunah Choi’s longstanding preoccupation with the motif of the window as a sculptural element, as well as with the design and function of window grilles, as they have been used for centuries in different cultures. They combine functional – protection against break in or break out – and decorative aspects, geometric and floral forms. Seven rhombic elements hang freely in space on robes, whereby there are three variations, each differing in the angular sizes of the rhombuses and the density of the grating.
Organically shaped omissions were milled into the geometric grids made of powder-coated steel, which were inserted at a slight angle into the frames. The shapes of these omissions are based on fallen leaves that the artist has collected and carefully archived. In their minimalism, albeit radically abstracted, they allude to the ornaments of wrought-iron window grilles, often based on plant motifs.

To emphasize the impression of the window, whose primary function is to let in or regulate light, two projections cast differently colored light onto opposite walls – and thus also the shadows of the grid structures, which appear in different sizes and orientations. A computer-generated video simulates the lighting conditions of a day by recreating the colors of light, whereby the course of the day was reduced from 12 hours to a few minutes. Each individual sculpture in the edition comes with a beamer with the colored light projection in a loop.

In addition, Sunah Choi has developed a new series of seven photograms entitled Camou. These are multi-layered "photographs without a camera", in whose creation light, transparency and shadows also play a role. Three to four transparencies painted with abstract structures were layered, superimposed on photographic paper and then exposed, resulting in light collages in different shades of grey. The patterns are reminiscent of camouflage fabrics and are also inspired by them: the colors and patterns of camouflage differ, according to the terrain in which they are used.

Eva Scharrer

The text of Eva Scharrer was written for the solo exhibition Karo, Edition Block, Berlin, 21 February - 02 May 2020

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Deutsch

Für die Edition Block hat Sunah Choi zwei neue Editionen – Karo und Camou – konzipiert.

Die dreiteilige Edition Karo (in Auflage zu je 3 Exemplaren) wird erstmals in einer raumgreifenden Installation präsentiert. Ausgangspunkt für die Arbeit ist Sunah Chois langjährige Beschäftigung mit dem Motiv des Fensters als skulpturales Element, sowie mit dem Design und der Funktion von Fenstergittern, wie sie über Jahrhunderte in verschiedensten Kulturen eingesetzt werden. In ihnen vereinen sich funktionale – Schutz vor Ein- oder Ausbruch – und dekorative Aspekte, geometrische und florale Formen. Sieben rautenförmige Gitterelemente hängen an Seilen frei im Raum, wobei es drei Variationen gibt, die sich jeweils in den Winkelgrößen der Rhomben und der Dichte der Gitter unterscheiden. Sie lassen sich als vergitterte Fenster in unterschiedlicher perspektivischer Verkürzung lesen, sind jedoch durch das Fehlen einer architektonischen Einbindung ad absurdum geführt. Ohne Wände freigestellt im Raum schwebend werden sie zu durchlässigen Sehapparaten, die den Blick lenken und das durch sie Gesehene in Einzelbilder und Sequenzen einfassen. Damit erinnern sie auch an die in Planquadrate unterteilten Rahmen, wie sie seit der Renaissance als Hilfsmittel zum Vermessen und zum perspektivischen Zeichnen benutzt werden und mehrfach von Albrecht Dürer dargestellt wurden – etwa in seinem theoretischen Werk Vier Bücher von menschlicher Proportion (1528), dort ebenfalls in perspektivischer Verkürzung. In die leicht schräg in die Rahmen eingesetzten geometrischen Gitter aus pulverbeschichtetem Stahl wurden organisch geformte Auslassungen gefräst, deren Formen wiederum auf herabgefallene Blätter zurückgehen, die die Künstlerin gesammelt und sorgfältig archiviert hat. In ihrem Minimalismus spielen sie, wenn auch radikal abstrahiert, auf die oft Pflanzenmotiven nachempfundenen Ornamente schmiedeeisernen Fenstergitter an. Das Motiv der Rauten- oder Diamantform mit dem durchlöcherten Gitter hat seinen Ursprung zudem in dem Gemälde Les épaves de l’ombre (1926) von René Magritte, und wurde von Choi in einer Reihe von Arbeiten skulptural aufgegriffen und weiter variiert.

Um den Eindruck des Fensters, dessen primäre Funktion ja das Einlassen bzw. die Regulierung von Licht ist, zu unterstreichen, werfen zwei Projektionen unterschiedlich farbiges Licht an gegenüberliegende Wände – und damit auch die Schatten der Gitterstrukturen, die in unterschiedlicher Größe und Ausrichtung erscheinen. Ein computergeneriertes Video simuliert die Lichtverhältnisse eines Tagesablaufs durch nachempfundene Lichtfarben – Morgengrauen, Sonnenaufgang, zartes Vormittagslicht, helle Mittagssonne, Orangefarbenes Nachmittagslicht, Sonnenuntergang, Abenddämmerung – wobei der Verlauf von 12 Stunden auf einige Minuten heruntergerechnet wurde. Zu jeder Skulptur der Edition gehört eine Farblichtprojektion als Loop.

Zudem hat Sunah Choi eine neue Reihe von sieben Fotogrammen (in einer Auflage von je 10) mit dem Titel Camou entwickelt. Es handelt sich dabei um mehrschichtige „Fotografien ohne Kamera“, bei deren Entstehung ebenfalls Licht, Transparenz und Schatten eine Rolle spielen. Drei bis vier mit abstrakten Strukturen bemalte und auf Fotopapier übereinander gelegte transparente Folien wurden belichtet, wodurch Lichtcollagen in unterschiedlichen Grauabstufungen entstehen. Die Muster erinnern an Camouflage-Stoffe, und sind auch von diesen inspiriert: Je nachdem, in welchem Gelände sie zum Einsatz kommen, unterscheiden sich Farben und Muster der Camouflage.

Wie auch bei den Fenstergittern hat Choi hier umfangreiche Archive unterschiedlicher Designs angelegt und verfolgt damit ihre fortlaufende Untersuchung physischer Manifestationen kultureller Phänomene. Beides, Fenstergitter und Camouflage-Muster eint die Symbiose von abstraktem Design und nachempfundener Natur, was die Künstlerin in ihrer Arbeit mit analogen Mitteln und in minimalistischer Reduktion weiterverfolgt.

Eva Scharrer

Der Text von Eva Scharrer wurde geschrieben für die Einzelausstellung Karo, Edition Block, Berlin, 21. Februar - 2. Mai 2020